
Martin Engler

Martin Engler

SnowCard

Jan Mersch

Die weiße Gefahr

Eidgenössisches Institut für Schnee- und Lawinenforschung

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Aiguille du Goûter

Lawinenabgang

Lawinenausbildung
Interview mit Martin Engler (01/2004), Lawinenexperte DAV
2b-Sportredaktion am 08.01.2004 - 17:30 Uhr
Martin Engler (Jahrgang 1962) lebt im Allgäu und ist Berg- und Skiführer. Der ausgebildete Heilpraktiker ist Mitglied im Bundeslehrteam Bergsteigen des Deutschen Alpenverein. Einen Namen hat er sich als Lawinenfachmann gemacht, der auch vor Selbstversuchen in und mit Lawinen nicht zurückschreckte - seine mehr als 20-jährige Entwicklungsarbeit im Hinblick auf Entscheidungsstrategien bei Lawinengefahren, gipfelten im "Faktorencheck" und der "SnowCard". Gerade die SnowCard erfüllte den Wunsch vieler alpiner Verbände, Nichtprofis ein winterliches, hochalpines Risikomanagement zu ermöglichen. Engler fasste sein Fachwissen und seine Ansätze 2001 in dem Buch "Die weiße Gefahr" zusammen, das er selbst verlegt.
Mountains2b: Was ermöglicht uns Entscheidungen und eine Orientierung im stets lawinengefährdeten, winterlichen Hochgebirgsraum?
Martin Engler: Ohne Strategie nutzt das umfangreichste Wissen nichts. Ich empfehle, stufenweise vorzugehen: Von Anfängern kann man nicht erwarten, dass sie intensiv Schneekunde betrieben haben oder sich so mit Windformen auseinandersetzen, dass sie daraus resultierende, problematische Schichtkonstellationen der Schneedecke erfassen können - so zentral diese Parameter für eine potenzielle Lawinengefahr auch sind.
Daher lautet mein Konzept, als Anfänger zur Einschätzung der Machbarkeit einer Tour mit der von Lawinenwarndiensten ausgegebenen Gefahrenstufe und der Neigung der ausgesuchten Hänge zu beginnen. Faustregel: Bei Gefahrenstufe drei werden Hänge mit mehr als 30 Grad Neigung nicht betreten! Zwar kann man in stark verspurten Bereichen unter Umständen Ausnahmen machen, doch sollte man als Anfänger eher Einschränkungen akzeptieren und Verzicht üben, als ein Risiko einzugehen.
Mountains2b: Und im nächsten Schritt...
Martin Engler: ... sollte man sich darin schulen, Geländeformen und daraus hervorgehende Risiken deuten zu können. Dazu zähle ich zum Beispiel auch allgemeine Kartenkunde - sich orientieren zu können, ist anfangs mindestens so wichtig, wie über die Grundlagen der Lawinenkunde Bescheid zu wissen; Lawinenlageberichte liefern auch bezüglich der Hangformen - zum Beispiel gefährlichen Mulden und Kanten im Gelände sowie der Exposition eines Hanges und vorherrschender Windbedingungen - Informationen.
So wird zunehmend eine genauere Orientierung möglich. Bei Unsicherheit sollte man weiterhin von vorhandenen ungünstigen Bedingungen ausgehen.
Anwender können über eine solche Entwicklung lernen, die in den Lawinenlageberichten aufgeführten Parameter vor Ort konkret zu beurteilen - und eventuelle Alarmzeichen, die nicht immer so deutlich wie "Wumm-Geräusche einer sich setzenden Schneedecke sind, zu deuten.
Mountains2b: Neben der Kenntnis von Verhaltensregeln betonen also auch Sie die Notwendigkeit, die eigene Beobachtungsgabe vor Ort im Gelände zu schulen und Erfahrungen zu sammeln, um schließlich Beurteilungsfähigkeit vorhandener Lawinengefährdungen zu erlangen?
Martin Engler: Das hängt von der Gefahrenstufe ab: Liegt Stufe zwei oder drei vor, ist das individuelle Beurteilungsvermögen wichtiger als alles andere. Ungefähr 35 Prozent aller Lawinenunfälle passieren bei Stufe zwei, knapp 60 Prozent bei Stufe drei - es handelt sich also um die beiden Hauptunfallstufen. Ein Lawinenlagebericht ist nicht so differenziert, dass er alle Hänge der betreffenden Region einzeln charakterisiert. So muss man im unverspurten Gelände in der Lage sein, selbst Entscheidungen zu treffen - zu Glauben, Gefahrenstufe zwei und drei seien nicht gefährlich, wäre fatal; dann wird man selbst schnell Teil der angeführten Statistik.
Für Tiefschneefans besteht das grundsätzliche Problem, dass sie sich intensiv mit der Lawinenproblematik auseinandersetzen oder häufig Verzicht üben und Einschränkungen akzeptieren müssen.
Mountains2b: Was sind die Auslösemechanismen von Lawinen?
Martin Engler: Grundsätzlich gibt es zwei. Der häufigere Mechanismus ist das Schneeballsystem einer Lockerschneelawine - was unter Bäumen, an Felsen oder Kanten klein beginnt, kann trotzdem mächtig und überaus zerstörerisch werden, insbesondere wenn schwerer, nasser Schnee beteiligt ist. Diese Anrissform einer Lawine benötigt eine gewisse lockere Schneeoberfläche, die aber auch schon ab zehn Zentimeter Höhe erreicht sein kann.
Dem gegenüber rauscht ein Schneebrett aus trockenem, frischen Neu- oder Triebschnee als Folge eines labilen Schneedeckenaufbaus umgehend mit hoher Geschwindigkeit in die Tiefe - es gleitet auf einer älteren Schicht zu Tal, zu der aufgrund bestimmter Wetterverhältnisse keine feste Bindung besteht.
Mountains2b: In vergangenen Zeiten stellten primär Großlawinen nach intensiven Schneefällen die Hauptunfallursache dar, heutzutage sind vom Wintersportler selbst ausgelöste Schneebretter, so genannte "Wintersportlawinen", mit Abstand die Hauptursache tödlicher Lawinenunfälle. Inwieweit können die Gefahrenstufen der Lawinenlageberichte zu Missverständnissen führen?
Martin Engler: Es enstehen zwangsläufig Ungenauigkeiten, wenn Gefahrenstufen sowohl für Verkehrswege und Bauwerke als auch für Skigebiete gelten - bei Gefahrenstufe zwei und drei beginnt eine Gefährdung für Skifahrer früher als für Straßen oder Häuser: 50 Zentimeter Triebschnee auf einer Gleitschicht können einem Menschen den Tod bringen, ein Haus oder eine Straße reißen sie nicht ein.
Mountains2b: Wie beurteilen Sie Testverfahren, die die lokale Situation des Schichtaufbaus einer Schneedecke verdeutlichen sollen? Welche Aussagekraft haben derartige Verfahren?
Martin Engler: Derartige Tests sind nur bei bestimmten Schneesituationen sinnvoll. Gestaltet sich der Aufbau einer Schneedecke überwiegend inhomogen, ist es schwer oder unmöglich, allgemeine Aussagen zu treffen - manch ein Experte behauptet gar, derartige Tests seien völlig sinnlos.
Auch wenn man so weit nicht gehen möchte: Selbst bei einer homogenen Schneedecke stellen derartige Stichproben - wie auch die Gefahrenstufen - nur eine Orientierungshilfe dar, eine Art Checkliste für einen Indizienprozess.
Schon während einer einzigen Skitour durchquert man so viele Hänge mit unterschiedlichen Begebenheiten, dass man einfach akzeptieren muss, dass es keine Sicherheiten, sondern nur Wahrscheinlichkeiten gibt; Sicherheit bedeutete den Verzicht, weiterzugehen.
Mountains2b: Danke, dass Sie an diesem Interview teilgenommen haben.
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