
Tiefschneefahrer

Aufstieg Tourenski

Eidgenössisches Institut für Schnee- und Lawinenforschung

Fahren mit Gruppen

Spuranlage

Flory Kern

Auswahl der Abfahrtsrute

Vorbereitung für die Abfahrt

Tiefschneeabfahrt

Jan Mersch

Die weiße Gefahr

Lawinenabgang

Lawinenabgang2

Im Pulverschnee

Tiefschneefahrerin

Schneeschuhwanderer
Lawinen-Spezial Teil VI: Taktik und Strategie vor Ort im Gelände
2b-Sportredaktion am 27.01.2004 - 22:42 Uhr
Auch die intensivste Planung als Vorbereitung einer Tour im verschneiten Gebirge ist vor Ort bei der Hangwahl und Spurensuche an die vorgefundenen Bedingungen anzupassen. Relevante Entscheidungsstrategien haben wir im vierten Teil der Serie vorgestellt; in der Folge geht es darum, in welchem taktischen Rahmen Entscheidungsstrategien eingesetzt werden sollten.
Führungstechnik und -taktik
Taktische Überlegungen betreffen den Menschen und sind laut Werner Munter - neben weiteren - ein wichtiger Faktor, will man "die der Natur innewohnenden Gefahren selbständig abschätzen". Er zählt dazu Spuranlage, Timing, rechtzeitige Anordnung von Vorsichtsmaßnahmen, vorausschauende Fähigkeit, Überblick, rechtzeitige Umkehr (170).
Hinter jeder Führungstaktik steht der Wunsch, vorhandene Risiken, die von Mensch und Natur ausgehen, einschätz- und handhabbar zu machen. Durner und Römer verstehen darunter "alle Handlungen [...], die der Reduzierung des Risikos dienen und zu einem höheren Erlebniswert im alpinen Gelände führen" (30). Sie meinen, dass sich ein optimaler Erlebniswert aus einer größeren Sicherheit und geringerem Restrisiko ergibt, die man durch die Überlegung führungstaktischer Maßnahmen, die Anwendung bestimmter Organisationsformen und das Einhalten von Sicherheitsregeln erreicht (30ff).
Organisationsformen
Darunter versteht man das Fahren in den Gruppenformationen Einzelfahren, Spurfahren und Formationsfahren - je nach Lawinensituation, Gelände und dem Grad der Fertigkeiten aller Gruppenmitglieder.
Einzelfahren
Empfohlen wird, anspruchsvolle Geländeabschnitte und Passagen mit einer Neigung von mehr als 35 Grad nur in Einzelfahrten zu bewältigen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Im Falle eines Lawinenabgangs wird nur eine Person verschüttet, die Belastung der Schneedecke ist geringer und die Teilnehmer können zudem ungestört fahren.
Spurfahren
Sind Sicht- und Schneeverhältnisse ungünstig oder ist zum Beispiel das Gelände in Abschnitten aufgrund von Gletscherspalten gefährlich, bestehen Vorteile des Spurenfahrens darin, dass weniger versierte Teilnehmer kraftsparender abfahren können und generell ein sichereres Fahren in schwierigem Gelände möglich ist, indem bereits vorhandenen Spuren gefolgt wird.
Formationsfahren
Der Regelfall, so es die Sicherheit erlaubt. Dann grenzen die Führer mit ihrer Spur Gefahrenbereiche ab, die Gruppenmitglieder folgen in einem an das Gelände angepassten Abstand. Hänge werden von Gruppen auf diese Weise schneller und geschlossen befahren, der Erlebniswert wird meist höher eingestuft.
Sicherheitsregeln
Gefragt sind in diesem Zusammenhang Selbstdisziplin und das Akzeptieren festgelegter Regeln - hilfreich sind dabei "klare und verständliche Anweisungen", dazu zählen (Durner und Römer: 32f):
- Anweisungen des Bergführers oder Erfahrensten werden von allen Teilnehmenden befolgt.
- Die angesagte Organisationsform wird eingehalten.
- Der Bergführer wird nicht überholt.
- Der Letzte in der Gruppe bleibt samt seinem Erste Hilfe-Paket stets am Ende der Gruppe und überholt keinen Gestürzten.
- Alle haben ihre Fahrweise und Geschwindigkeit an Gelände und Können anzupassen.
Kommunikationsmöglichkeiten
Eine akkustische Verständigung ist bedingt durch große Distanzen oder Störgeräusche wie Wind nicht immer gewährleistet. Es sind daher eindeutige und verbindliche optische Zeichen zu vereinbaren, die mit den Armen oder Skistöcken umgesetzt werden.
Gängige Stockzeichen sind:
- Beide Stöcke seitlich gehalten=nicht passieren.
- Beide Stöcke über dem Kopf gekreuzt=sofortiger Stopp.
- Ein Stock nach links oder rechts=in diese Richtung fahren.
- Mit einem Stock winken=der Nächste kann fahren.
Funktionsüberprüfung der LVS-Geräte
Obwohl technische Defekte bei diesen Geräten die absolute Ausnahme sind, ist ihre Funktion vor jeder Unternehmung ausnahmslos zu überprüfen.
Selbstauslöser
Wir halten fest, dass 95% aller tödlich verunglückten Lawinenopfer die Katastrophe selbst ausagelöst haben.
Gerade beim Skitourengehen sind die Lawinen- und Geländesituation im Rahmen des langsamen Aufstiegs besser einschätzbar, während eine Abfahrt in unbekanntes Gelände schnell zu einer Bedrohung werden kann, bedenkt man, dass das Abfahren oder gar ein Sturz die Schneedecke um ein vielfaches mehr belastet als der Aufstieg - die Aufstiegsbelastung für die Schneedecke beträgt das ein- bis dreifache des Körpergewichts, im Falle einer Abfahrt beläuft sich der Faktor auf das vier- bis fünffache, bei einem Sturz sogar das sechs- bis siebenfache (vgl. Durner und Römer: 34).
Das Beispiel verdeutlicht, dass sich Taktik im Gelände auf das Verhalten der Tourengeher bezieht und eine ernst zu nehmende Größe im Prozess der Risikoabwägung darstellt.
Optimale Geländeausnutzung
Überlegungen bezüglich der Routenwahl von Aufstieg und Abfahrt sollten von allen Teilnehmern einer Unternehmung angestellt werden, denn taktisch "richtiges Verhalten trägt wesentlich zur Vermeidung von Lawinenunfällen bei" (Durner und Römer: 35).
Zentrale Fragen lauten (nach Durner und Römer: 35):
- Wo sind Schneeverfrachtungen?
- Gibt es kritische Neuschneemengen?
- Stimmen Exposition, Hangneigung und Relief mit den Werten aus der Tourenplanung überein?
- Sind alte Spuren vorhanden und dem Gelände angepasst?
- Gibt es Anzeichen, dass dieses Gelände ständig befahren wird?
- Haben Grate Wächten?
- Wo liegt die Druckzone des Hanges?
Taktik beim Aufsteigen
Tatsächlich werden viele Aufstiegsspuren zu steil angelegt. Taktische Maßnahmen beim Aufsteigen sind (nach Durner und Römer: 36):
- Grundsätzlich sollte die Aufstiegsspur dem Gelände angepasst sein und eine gleichmäßige Neigung aufweisen.
- Ungünstige Geländeformen (wie Rinnen, Schluchten oder kammnahe Steilhänge) meiden.
- Günstige Geländeformen wie Kuppen, Rücken und Rampen sollten genutzt werden.
- Wenn nötig, sollte von sicheren Sammelpunkten aus einzeln gegangen werden.
- Enlastungsabstände (mindestens zehn Meter) sind der Geländeform anzupassen.
- Spitzkehren sind zu vermeiden und stattdessen weite, gleichmäßige Bögen zu gehen.
Taktik beim Abfahren
Organisierte Abfahrten sorgen für mehr Spaß und vor allen Dingen gewährleisten sie ein höheres Maß an Sicherheit. Durner und Römer empfehlen (37):
- Generell kontrolliertes und an das Gelände angepasstes Abfahren.
- Einzelfahren in steilen Rinnen.
- Die Entlastungsabstände in Bereichen mit über 30 Grad Gefälle auf 50 Meter auszudehnen.
- Eine Abgrenzung gefährlicher Hangbereiche durch eine erste, gezielte Begrenzungsspur.
- Großräumige Schrägfahrten über eine kompletten Hang vermeiden.
Interview mit Jan Mersch
Jan Mersch (Jahrgang 1971) lebt im Chiemgau und arbeitet seit 1993 als professioneller Bergführer. 30 Wochen im Jahr, ein gutes Drittel dieser Zeit im Winter, begleitet er Menschen durch die Berge. Im Winter ist die Führung von Skitourengruppen sein Arbeitsschwerpunkt.
Der erfahrene Alpinist, der Mitte bis Ende der 90-er Jahre unter anderem zusammen mit Thomas und Alexander Huber in Pakistan unterwegs war, arbeitet auch als Trainer des Expeditionskaders des Deutschen Alpenverein. Im Rahmen dieser Tätigkeit bietet er Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten im Alpinismus auf hohem Niveau zu steigern und weiter zu entwickeln.
Mersch war an der Entwicklung der "SnowCard" beteiligt. Für Martin Englers Buch "Die weiße Gefahr" hat er einige Beiträge verfasst, so den Abschnitt über Lawinen-Risikomanagement; dort setzt er sich damit auseinander, wie die Ablaufsystematik einer Unternehmung in den winterlichen Bergen strategisch sinnvoll sein kann.
Wir sprachen mit Mersch über Taktiken in verschneiten Bergen.
Zum
Interview mit Jan Mersch.
Bildergalerie
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Bildergalerie "Lawinen - abseits der Pisten".
Quellen und Literatur
- www.vdbs.de
- Günter Durner und Alexander Römer, Lawinen Know-How, 1. Aufl. 2003, ISBN 3-9807101-5-7
- Günter Durner und Alexander Römer, Erste Hife Bergrettung, 1. Auflage 2002, ISBN 3-9807101-2-2
- Werner Munter, 3x3 Lawinen - Entscheiden in kritischen Situationen, 2. Aufl. 1999, ISBN 3-00-002060-8
- Martin Engler, Die weiße Gefahr: Schnee und Lawinen..., 1. Aufl. 2001, ISBN 3-9807591-1-3
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