In der vergangenen Saison holte der US-Amerikaner Steven Nyman seinen ersten Weltcup-Sieg. Im Fischer-Interview spricht der "Stormin Mormon" über sein Leben und seine Ziele im Rennlauf, über Pizzerias und Frauen mit langem, blondem lockigem Haar, über Kinderwünsche von Fans, über Teamgeist und wahre Freunde im US Ski-Team, darüber, warum er obdachlos ist und warum ihm Geld nichts bedeutet und wie groß der Unterschied zwischen Europa und den USA wirklich ist.
Frage: Steven, mit deinem Sieg in Gröden wurdest du zu einem der Shootingstars in der vergangenen Saison. Fühlst du dich nun wie ein Star?
Steven Nyman: Nach dem Sieg und dem Podestplatz gleich am Anfang der Saison habe ich ohne Zweifel gespürt, wie es ist, in einer Favoritenrolle zu sein. Eine Verletzung hat mich und meine Ergebnisse dann etwas zurückgeworfen, aber jetzt weiß ich, wie man gewinnt und ich weiß, dass ich es schaffen kann. Ich fühle mich noch keineswegs wie ein "Star", aber mir sind schon bei den Rennen einige Plakate aufgefallen, die ganz cool waren. Mein Lieblingsplakat habe ich in Wengen gesehen – darauf stand "Steven, ich will ein Kind von dir!" Wenn man ein Star sein will, dann muss man meiner Meinung nach konstant über mehrere Saisonen Siege feiern.
Frage: Hast du mit diesem großen Erfolg gerechnet?
Nyman: Mit dem Erfolg habe ich gerechnet. Ich habe mich darauf vorbereitet und ich wusste, dass es in mir war. Ich hatte die Unterstützung und das Vertrauen meiner Trainer, die Unterstützung des US-Teams und dann kam Fischer mit einer großartigen Unterstützung und einem eigenen Servicemann, Leo Mussi. Dann war es nur mehr eine Frage meines Könnens im Rennen selbst.
Frage: Erkennen dich Leute auf der Straße in den USA? Und bist du gern im Mittelpunkt?
Nyman: Im Mittelpunkt bin ich bestimmt nicht gern. Wenn ich etwas sagen will, dann sage ich es einfach, aber ich bin keiner, der Aufmerksamkeit aktiv sucht. Leute erkennen mich nicht auf den Straßen hier in den USA. Aber nach meinem Sieg in Gröden in Europa schon. Als ich in Bozen unterwegs war, haben mir viele gratuliert. Ein tolles Gefühl.
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Frage: Du hast oft mit Verletzungen zu kämpfen gehabt. Gab es Zeiten, in denen du nicht an ein Comeback gedacht hast?
Nyman: Ich habe nie daran gedacht, als aktiver Rennläufer aufzuhören. Ich liebe den Skisport und werde hoffentlich mein ganzes Leben lang Skifahren. Das Skifahren begeistert mich immer. Ich kann den ganzen Tag zuschauen und bin fasziniert von der körperlichen Leistung, die wir erbringen müssen, um Rennfahrer zu sein. Dies bedeutet allerdings gleichzeitig ein Verletzungsrisiko. Verletzungen sind ein Teil des Sports und wir müssen mit solchen Rückschlägen richtig umgehen. Ich habe das Glück gehabt, einigen sehr guten Ärzten und Trainern zu begegnen – Leute, die mich mehrmals wieder auf die Beine gebracht haben und darauf achten, dass ich nun um Krankenhausbetten einen großen Bogen machen kann.
Frage: Was ist dein großes Ziel im Sport?
Nyman: Mein großes Ziel im Skisport ist ein Gesamttitel. Das ist der Gipfel in dieser Sportart. Das zeigt, dass man die Ausdauer, die Kraft, die Beständigkeit und die Fähigkeit besitzt, tagaus, tagein zu gewinnen. Ich wollte im Weltcup immer gefährlich sein. Ich wollte, dass die Leute hinauf schauen und sagen: Das Rennen ist erst vorbei, wenn der Steven im Ziel ist. Ich glaube, ich habe dieses Ziel erreicht, und jetzt muss ich regelmäßig siegen.
Frage: Hast du dir je eine Alternative zum Skisport überlegt? Was wäre aus Steven Nyman geworden, wenn er diesen Weg nicht eingeschlagen hätte?
Nyman: Im Jahr 2002 sagte ich mir: Wenn ich es diese Saison nicht in die Skimannschaft schaffe, dann werde ich studieren und mir alles andere in weiterer Folge überlegen. Aber zu dem kam es nicht – erfreulicherweise. Ich habe allerdings immer den Traum gehabt, ein Restaurant zu besitzen. Eine nette, einfache Pizzeria irgendwo.
Frage: Was magst du am liebsten an deinen "Job"? Und wie wichtig sind Ruhm und Geld für dich?
Nyman: Ich genieße Beziehungen, ich mag die Leute, die ich kennen lerne, die Orte, die ich auf meinen Reisen erleben darf, die Freundschaften, die ich schließe. Ich habe ungemeines Glück. Überall wo ich hinreise, versuche ich immer soviel wie möglich zu erleben und mitzunehmen. Den ganzen Winter in Europa zu leben ist der absolute Wahnsinn. Es ist eine andere Welt als in den USA, und ich genieße jeden einzelnen Tag. Ich muss bloß meine Deutschkenntnisse verbessern! Man muss Geld verdienen, um zu leben, aber ich glaube, wenn ich zu viel Geld hätte, würde mich das nur in Verlegenheit bringen.
Frage: Bist du ein Arbeitstier oder hast du es lieber bequem im Leben?
Nyman: Bei Entscheidungen bin ich eher flexibel, aber ich versuche das Beste daraus zu machen, wenn etwas auf mich zukommt oder in neuen Situationen. Schon als Kind habe ich gelernt, was harte Arbeit heißt und ich bin nach wie vor fleißig. Wenn man etwas Großes erreichen will, dann muss man Großes leisten.
Frage: Wie gefällt es dir, das ganze Jahr mit dem Team auf Tour zu sein? Gibt es Freunde unter deinen Kollegen?
Nyman: Ich bin echt gespannt auf unser Team in diesem Jahr. Wir haben uns sehr auf den Teamgeist fokussiert. Wir brauchen diesen Teamgeist, um Erfolg zu haben. Wir sind immer zusammen – während der ganzen Saison. Wenn wir uns nicht gut verstehen würden, dann wäre es die Hölle. Ich habe das Gefühl, wir sind wahre Freunde, und hoffentlich bleibt es so.
Frage: Erzähle etwas über dich selbst. Was gefällt dir, was gefällt dir überhaupt nicht? Bist du ein Langschläfer? Wo verbringst du am liebsten deinen Urlaub?
Nyman: Ich wache gern früh auf, ich genieße die Tageszeit. Ich bin unternehmungslustig, mag Bewegung und Kreativität. Eine eigene Kreation sagt etwas über dich. Ich bin gesellig und mag meine Freizeit. Ich mag neue Erlebnisse, Leute und Orte. Ich beobachte Leute gern. Ich beobachte, wie sie mit einer Situation umgehen und versuche mir vorzustellen, wie sie so weit kamen und welche Handlungen zu diesem bestimmten Ergebnis führten.
Frage: Wo und wie wohnst du?
Nyman: Ich bin obdachlos! Ich wohne auf verschiedenen Sofas! Ich bin in der glücklichen Lage, sehr großzügige Freunde zu haben, die mich dulden. Ich bin eigentlich derzeit auf Haussuche, aber ich bin mir nicht ganz sicher wo ich leben möchte?
Frage: Hast du Geschwister?
Nyman: Drei Brüder, keine Schwestern. Michael 26, Blake 23, Sam 16.
Frage: Hast du eine Freundin? Welcher Typ von Frau gefällt dir?
Nyman: Ja, ich habe eine Freundin, Hayley. Mir gefallen Frauen mit langem, blondem, lockigem Haar.
Frage: Du bist Mormone. Was bedeutet das für dich?
Nyman: Ich bin Mormone. Ich wurde so erzogen und lebe diese Religion so gut, wie ich kann. Ich glaube an ihre Lehren und lebe mein Leben gern. Es gab bei mir Höhen und Tiefen mit der Religion, und ich versuchte meinen eigenen Weg zu gehen, aber dort, wo ich jetzt bin, fühle ich mich geborgen und im Reinen.
Frage: Ist der Glaube wichtig für dich?
Nyman: Der Glaube bedeutet mir sehr viel. Der Glaube selbst in allen Formen ist sehr wichtig für uns alle, sei es ein Glauben an etwas Höheres oder an sich selbst. Ich denke mein Glauben in der Kindheit hilft mir jetzt sicher, wo ich etwas älter bin. (Im Herzen bin ich aber nach wie vor ein Kind.)
Frage: Ist der Skisport lukrativ? Wie viel verdienst du in einem Jahr?
Nyman: Ich weiß wirklich nicht, wie viel ich in einem Jahr verdiene. Ich muss diese Seite von meinem Leben in Ordnung bringen. Es ist alles so verwirrend! Als Kind hatte ich nicht viel Geld und als der erste Großbetrag reinflatterte, dachte ich mir: Hey, was mach' ich mit dem? Ich bin ein einfacher Mann mit einfachen Wünschen! Im Skisport kann man sicher gut verdienen, keine Frage, aber, wenn man sich die Liste der Top-100 Großverdiener weltweit im Sport ansieht, findet man keinen Skifahrer.
Frage: Spielt Geld eine große Rolle in deinem Leben?
Nyman: Nein!
Frage: Was machst du an deinen freien Tagen?
Nyman: Mein neues Hobby heißt Kiteboarding! Es macht echt Spaß, wenn man mit dem Wind spielt. Der Wind kann so kraftvoll sein und nimmt dich mit auf eine Tour.
Frage: Für was gibst du das meiste Geld aus?
Nyman: Was ist mit diesen ganzen Fragen über Geld? Ich investiere in mich selber, indem ich mir tolles Essen gönne!
Frage: Hast du einen besonderen Wunsch, einen Traum?
Nyman: Ich würde mir wünschen, dass die globale Erwärmung sofort aufhört.
Frage: Was steht im Sommer auf deinem Programm? Trainierst du viel oder gibt es viele freie Tage?
Nyman: Es geht mir ganz gut. Diesen Frühling bin ich nach Costa Rica geflogen, wo ich herumreiste. Bilder dazu gibt es auf meinem Blog nymansworld.com. Dann ging es zu einem Ski-Camp in Kalifornien und weiter nach Maui, um mit dem Sommertraining zu beginnen. Vergangenes Jahr verbrachte ich den ganzen Sommer dort, aber diesmal werden es nur ein paar Wochen sein, und dann bleibe ich zu Hause in Utah.
Frage: Du verbringst viele Tage in Europa. Hast du irgendetwas wie ein Zuhause auf in Europa? Fühlst du dich wohl dort?
Nyman: Das US Ski-Team hat einen Stützpunkt in Trentino, Italien. Durch die Unterstützung von Francesco Moser und Marco. Wir haben einige Appartements dort und tolle Trainingsmöglichkeiten aber mein echtes Zuhause ist das jeweilige Hotel, in dem wir gerade sind.
Frage: Wie anders ist Europa im Vergleich zur USA?
Nyman: Ich liebe Europa. Es ist sehr anders. Europa ist beispielhaft für mich, und sollte es auch für die USA sein. Ich bin der Meinung, dass die Europäer ihre Zeit und Ressourcen wesentlich besser im Griff haben als in den Staaten. Wir sind so verschwenderisch und immer in Eile. Europa ist viel entspannter. In den USA gefällt mir aber die endlose Weite. Wenn ich in Europa bin, habe ich immer das Gefühl, dass überall menschliche Strukturen da sind. Wogegen ich in den USA in die Berge laufen könnte und wenn ich wollte, nie mehr gefunden werden würde. Wenn man schon davon spricht, das wäre ja eine coole Art aus dem Leben zu gehen. Ein Paar Zeilen hinterlassen und weglaufen.
Frage: Was ist das allerwichtigste in dem Leben?
Nyman: Meine Freiheit.
Frage: Wo wirst du in zehn Jahren sein? Was wirst du machen?
Frage: Pizzas hochwerfen! Vielleicht mache ich es wie Patrik Jaerbyn und ich bin noch voll im Renngeschehen! Wahrscheinlich aber nicht …
Frage: Was müssen wir unbedingt über Steven Nyman wissen?
Nyman: Egal in welche Situation ich komme, ich mache das Beste daraus. Ich habe einen Spruch, der lautet: Das Gras ist am grünsten, wo man es gießt. Ich lebe gern danach.